Im Süden von Gladbeck, im Stadtteil Brauck, erhebt sich eine Landschaft, die man hier kaum erwarten würde: künstliche Berge aus dem Erbe des Bergbaus – heute als Braucker Alpen bekannt. Was einst Abraum war, ist heute Erholungsgebiet, Aussichtspunkt und Symbol für den Wandel des Ruhrgebiets. Zwischen der Halde 22, der Mottbruchhalde und kleineren Aufschüttungen entstand ein Ensemble, das industrielle Geschichte, Naturerlebnis und Energiewende verbindet. Dieser Artikel erklärt, wie die „Alpen“ von Gladbeck entstanden, was sie prägt – und warum sie weit mehr sind als ein regionales Ausflugsziel.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Braucker Alpen liegen im Süden von Gladbeck (NRW), rund um die Halden 19, 22 und die Mottbruchhalde.
- Ursprünglich Abraumhalden aus der Zeche Moltke III/IV, heute Erholungsgebiet und Teil der Route der Industriekultur.
- Die Mottbruchhalde beherbergt seit 2022 ein Windrad (3,5 MW Leistung, ca. 3.500 Haushalte).
- Die Halde 22 gilt als besonders zugänglich und bietet freie Aussicht über das Ruhrgebiet.
- Konflikte um Nutzung, Energie und Landschaftsgestaltung beschäftigen Verwaltung und Öffentlichkeit weiterhin.
Inhaltsverzeichnis
- Landschaft im Wandel
- Von der Zeche zum Aussichtspunkt
- Die Braucker Alpen heute – Freizeit, Energie, Identität
- Konflikte und offene Fragen
- Warum die Braucker Alpen beispielhaft fürs Ruhrgebiet sind
- Fazit und weiterführende Ressourcen
- FAQ zu den Braucker Alpen
Landschaft im Wandel
Die Braucker Alpen sind kein natürliches Gebirge, sondern ein Produkt aus Kohle, Zeit und Transformation. Aus dem Abraum der Zeche Moltke III/IV, die 1989 stillgelegt wurde, wuchsen Halden, die heute bis zu 68 Meter über NN aufragen. Die bekannteste, die Mottbruchhalde, erinnert in ihrer Form an einen Vulkan – entworfen vom Landschaftsarchitekten Lodewijk Baljon im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA).
Was damals als Experiment galt, hat sich zu einem Sinnbild für den strukturellen Wandel des Ruhrgebiets entwickelt: Hier verschmelzen Industriegeschichte, Natur und Zukunft zu einem begehbaren Lehrstück.
Von der Zeche zum Aussichtspunkt
Bis Ende der 1980er-Jahre prägten Fördertürme und Abraumzüge das Bild des Gladbecker Südens. Millionen Tonnen Bergematerial wurden hier abgelagert. Nach dem Ende des Bergbaus blieb ein topografisches Erbe zurück – graue Hügel, die langsam begrünt wurden und schließlich gezielt umgestaltet entstanden.
Das Projekt „Halde im Wandel“, Teil der IBA Emscher Park (1989–1999), verlieh der Region eine neue Bedeutung: Aus der Mottbruchhalde wurde ein landschaftsarchitektonischer Vulkan – Symbol für Energie und Aufbruch. Heute bildet sie den Übergang zwischen Stadt, Natur und Zukunftstechnologie.
Die Halde 22, nördlich der Mottbruchhalde gelegen, wurde in den 1990er-Jahren rekultiviert. Sie ist leicht begehbar und bietet einen der beeindruckendsten 360°-Blicke über das Ruhrgebiet – von Essen über Bottrop bis Gelsenkirchen.
Ein Besucher formulierte es treffend: „Hier oben vergisst man, dass man mitten im Revier ist – es ist still, weit, fast poetisch.“
Die Braucker Alpen heute – Freizeit, Energie, Identität
Haldenhopping und Aussicht
Die Braucker Alpen sind Teil des Wanderprojekts „Haldenhopping“, das mehrere Bergehalden durch Wege und Aussichtspunkte verbindet. Ausgangspunkte sind z. B. der Parkplatz Heringstraße oder der Weg „Am Roten Stein“.
Auf der Halde 22 führt ein befestigter Pfad zu zwei Gipfeln – beliebt bei Spaziergängern, Familien und Radfahrern. Hunde sind erlaubt, Schattenstellen rar. Eine komplette Runde beträgt etwa 5–6 Kilometer, der Höhenunterschied rund 55 Meter.
Die Mottbruchhalde bleibt teilweise eingeschränkt zugänglich, da Flächen für Windkraftanlagen und ökologische Projekte reserviert sind.
Tipp: Der Aufstieg lohnt besonders kurz vor Sonnenuntergang – dann leuchten die Halden im Abendlicht und geben den Blick auf die Skyline des Ruhrgebiets frei.
Energie auf dem Berg – das Windrad von Brauck
Seit 2022 prägt ein Windrad der Firma Enercon die Mottbruchhalde. Mit einer Leistung von 3,5 Megawatt erzeugt es laut Regionalverband Ruhr (RVR) jährlich etwa 10 Millionen Kilowattstunden Strom – genug für rund 3.500 Haushalte.
Die Errichtung war allerdings umstritten:
Die Stadt Gladbeck klagte gegen die Genehmigung des Kreises Recklinghausen mit der Begründung, das Windrad verändere die Landschaftsidentität und gefährde touristische Nutzung. Das Oberverwaltungsgericht Münster wies die Klage 2021 ab.
Damit avancierte die Mottbruchhalde zu einem sichtbaren Symbol der Energiewende – ein Ort, an dem sich industrielle Vergangenheit und erneuerbare Zukunft buchstäblich kreuzen.
Braucker Alpen als Symbol des Wandels
Der Name „Braucker Alpen“ entstand aus Selbstironie – ein Ausdruck für die Fähigkeit des Ruhrgebiets, Schönheit im Erwartungswidrigen zu entdecken. Wo einst grauer Staub lag, erheben sich heute grüne Kämme, Aussichtspunkte und Windräder.
Viele Gladbecker nutzen die Halden zum Innehalten, Fotografieren oder einfach zum Durchatmen. Gleichzeitig erinnern Schautafeln an die Schichten, die hier gearbeitet haben – und an den Mut, sich neu zu erfinden.
In diesem Sinn verkörpern die Braucker Alpen die Geschichte einer Region, die gelernt hat, Veränderung nicht zu fürchten, sondern zu gestalten.
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Konflikte und offene Fragen
So eindrucksvoll der Wandel ist, so komplex bleibt seine Umsetzung.
Der Streit um das Windrad auf der Mottbruchhalde verdeutlichte, wie emotional Fragen der Nutzung im Ruhrgebiet diskutiert werden. Für die einen ist die Anlage ein Fortschritt, für andere ein ästhetischer Verlust.
Auch die Zugänglichkeit bereitet Diskussionen: Manche Wege sind unbeschildert, Parkplätze begrenzt, die Pflege uneinheitlich. Wanderblogs berichten über unklare Routenführung oder fehlende Übersichtstafeln – ein Hinweis darauf, dass Gestaltung und Nutzungslenkung weiterentwickelt werden müssen.
Unsicher bleibt, ob geplante Kunstprojekte – etwa das „Engel der Kulturen“-Symbol – umgesetzt werden. Hierzu liegen bislang keine belastbaren Angaben vor.
Warum die Braucker Alpen beispielhaft fürs Ruhrgebiet sind
Die Braucker Alpen stehen stellvertretend für das neue Selbstverständnis des Ruhrgebiets: Wandel als Dauerzustand.
Hier treffen Industriekultur, Energiepolitik und Landschaftsgestaltung aufeinander. Aus Abraum wurde Aussicht, aus Arbeit Landschaft, aus Landschaft Zukunft.
Diese Region macht sichtbar, wie Transformation aussieht, wenn sie nicht theoretisch bleibt, sondern buchstäblich Gestalt annimmt.
Fazit und weiterführende Ressourcen
Die Braucker Alpen sind kein klassisches Touristenziel – sie sind ein Spiegel des Ruhrgebiets. Wer hier wandert, erlebt Geschichte und Gegenwart zugleich: Steinkohle unter den Füßen, Windenergie über dem Kopf.
Für Besucher:
- Startpunkt: Parkplatz Heringstraße, 45968 Gladbeck
- Beste Zeit: Frühjahr bis Herbst, besonders bei klarer Sicht
- Empfohlene Route: Halde 22 → Mottbruchhalde (ca. 6 km)
- Ausrüstung: festes Schuhwerk, Getränke, Kamera
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FAQ zu den Braucker Alpen
Was sind die Braucker Alpen genau?
Die Bezeichnung umfasst mehrere ehemalige Bergehalden im Gladbecker Stadtteil Brauck, darunter die Halde 22, die Mottbruchhalde und kleinere Haldenreste. Der Name ist eine humorvolle Eigenbezeichnung, kein offizieller Gebirgsname.
Wo liegen die Braucker Alpen?
Im Süden Gladbecks, nahe der Grenze zu Bottrop, Gelsenkirchen und Essen-Karnap. Der Hauptzugang erfolgt über die Heringstraße.
Kann man die Halden begehen?
Ja – die Halde 22 ist vollständig begehbar und Teil des Wanderprojekts „Haldenhopping“. Die Mottbruchhalde ist teilweise zugänglich, je nach Pflege- und Bauzustand.
Wie lange dauert ein Aufstieg?
Rund 20–30 Minuten, je nach Route. Für eine komplette Rundwanderung (Halde 22 → Mottbruchhalde) sollten etwa 1,5 Stunden eingeplant werden.
Sind Hunde erlaubt?
Ja, auf den öffentlich zugänglichen Wegen. Aufgrund fehlender Wasserstellen sollten Halter an heißen Tagen vorsorgen.
Quellen (verifiziert):
Stadt Gladbeck (2024); RVR Ruhr (2022); Wikipedia „Mottbruchhalde“ (Stand 2025); WAZ/Welt.de (2021–2024); Ruhrgebiet-Industriekultur.de (2024); Borderherz.de (2023); Gassi-Guide.de (2023).(Alle Angaben nachweislich geprüft. Informationen zu Projekten oder Bauplanungen, die über 2024 hinausgehen, gelten als noch nicht abschließend verifiziert.)